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Ein Kunstexperiment, das die wahre Natur der Filmsprache wieder entdeckt oder über den Film „Die Tochter“ von Bernhard Kammel
© Iskra Dimitrova, PhD in arts, film critic
Man sollte sich vielleicht lange mit dem Kino professionell beschäftigt haben, hunderte, wenn nicht tausende Filme gesehen haben sowie die Geschichte der Entwicklung der schon über ein Jahrhundert alten siebenten Kunst im Detail kennen, um wie ich, überrascht von dem Debütfilm des Österreichers Bernhard Kammel zu sein.
Ich gestehe, ich habe es erst nicht erwartet, dass mich „Die Tochter“ eben als ein Film der Wiederentdeckung der Natur des Kinos selbst beeindrucken würde. Denn es schien so zu sein, als hätte sich das Kino bereits in der Mitte des 20. Jahrhunderts endgültig mit der „Neuen Welle“ des französischen Kinos oder mit dem italienischen Neorealismus identifiziert. Zum Ende desselben Jahrhunderts hat das Kino im Interesse eines Entertainment á la Hollywood einen Teil seiner wahren Natur für die neuen Technologien preisgegeben.
So oft wie ich im letzten Jahrzehnt daran gedacht habe, dass sich das Kino unvermeidlich im neuen 21. Jahrhundert wieder auf seine eigentliche Natur zurückbesinnen wird, vor allem auf seine eigene Sprache, deren Bestandteile die Wirklichkeit selbst ist, konnte ich es doch nicht ahnen, dass ein Debüt im österreichischen Kino dieses so kategorisch bestätigen wird.
Vor allem auch durch das maximale Beharren auf die eigene Ausdrucksweise ohne Rücksicht auf falsche Konventionen im Film. Der Autor Bernhard Kammel hat sich das offensichtlich leisten können, denn er finanzierte seinen Film selbst.
Bernhard Kammel ist ein begnadeter Fotograf und studierter Theosoph. Als Drehbuchautor, Regisseur und Kameramann visualisiert er für die Leinwand seinen ganz persönlichen Blick auf die geistige Verfasstheit des Menschen in der Welt.
Das erreicht er durch ein einzigartiges Kombinieren der auf den ersten Blick „unverknüpfbaren“ Spezifika der Statik in der Kunstfotografie und der Bewegung in der Filmkunst. Ich habe es so zum ersten Mal gesehen, dass auf eine so neue Art die Natur des einen Mediums mit der des anderen bereichert wird, wissend dass das Kino vor mehr als 100 Jahren aus der bewegten Fotografie geboren wurde.
Die Bilder sind Schwarz-Weiss.
Das Spiel mit dem Licht, eingefangen vom Auge eines Meisterfotografen.
Unberührte Natur mit uraltem Wald, als ob sie in den Rahmen eines von einem Künstler gemalten Gemäldes hineingebracht wurde. Aber schaut man auf das Gemälde, so werden Akzente auf die kleinsten, unscheinbarsten Bewegungen der Pflanzen- und Tierwelt gesetzt, die über unsere normale Wahrnehmung hinausgehen und erst vom Auge des Filmmeisters eingefangenen wurden.
Die Tonebene vereint Geräusche aus der Natur, die nur bei völliger Stille und bewussten Wollen gehört werden in einer wunderbaren Synthese mit der „denkenden“ Musik von Víg Mihály, dem berühmten Ungarischen Komponisten und Musiker, der die Filmmusik zu den legendären Filmen von Tárr Béla geschrieben hat.
Musik, die metaphysisch-philosophische Umfassung der Einheit von Geist und Materie in Bernhard Kammel´s Film.
Kammel entscheidet sich beharrlich viele Episoden nur in Totalen zu zeigen und das gerade dort, wo wir gewöhnlich nahe Einstellungen erwarten.
Das Ensemble der handelnden Personen ist klein und überschaubar.
Die Entfaltung der Erzählung ist nur angedeutet und beiseite gelegt, als etwas nicht so Wesentliches.
Zu welchem Zweck?
Ich denke, um ein vollkommen unerwartetes geistiges Wirken auf unsere Sinnesorgane zu erreichen. Dadurch wird die Selbstwahrnehmung für anderthalb Stunden von der uns umgebenden materiellen Realität entfernt, um als gleichgestellter Teilnehmer mit dem existenziell-philosophischen Lebensverständnis der Darsteller und deren Suche nach dem Selbst zu verschmelzen. Eine Erregung ergriff mich, wie ich sie vielleicht seit meiner Jugend nicht mehr gespürt habe.
Ausgangspunkt ist eine Tochter, die zu Ihrem Geburtshaus zurückkehrt, um Ihren Vater zu suchen. Er verschwand vor mehr als 20 Jahren als er sich für eine Idee riskierte, an die er glaubte.
Eigentlich ist die Suche nach dem Vater die Suche nach dem Selbst, sowohl auf individueller als auch allgemein menschlicher Ebene.
Die Hauptfrage ist nicht: “Wer bin ich?”, sondern: “Was bin ich?”.
Diese Frage liegt der Filmischen Reflexion über das Leben als solches, über die ganze Welt als solche und auch über den Menschen als einen Mikrobestandteil der Ordnung des Weltalls zugrunde.
Der ganze Film kreist mit seinen Fragen über die Zeit, das in ihr aufgehoben Sein und das Vergängliche.
Er betont sonst unscheinbare menschliche Gesten, Gemütszustände, Anziehungskräfte und Kontaktflächen, anstelle des Geschehens als Handlung.
Bernhard Kammel hypnotisiert uns im wahrsten Sinne des Wortes mit seinem in unser Bewusstsein dringenden Wahrnehmungsvermögen. Wir erkennen uns Menschen als Teil eines großen Ganzen in der Harmonie des Universums, eingebunden in die Gesetze der Vergänglichkeit, der Unendlichkeit und einer geahnten Ewigkeit sowie der Möglichkeit zur materiellen und geistigen Schönheit.
An dieser Stelle sollte ich noch die Kunst der Schauspieler, die sich auf eine einmalige Art und Weise in dieses Kunstexperiment einbringen, betonen. Wie es den Darstellern ohne Hilfe durch die Entfaltung eines Sujets gelungen ist, solch eine organische Einheit ihrer emotional-geistigen Präsenz auf der Leinwand zu erreichen, erstaunt mich ungemein.
Das gilt insbesondere für die Darstellerin der Hauptrolle, Sofia Tchernev, geb. Kuzeva (http://www.sofiatchernev.com), die jeden einzelnen Moment Einblicke in das Innenleben ihrer Figur gewährt, auch dann, wenn sie kein Wort zu sprechen hat. Ihr Innenleben ist von Anfang bis Ende des Filmes reich an Fragen, Gefühlen, Gedanken, und Orientierungsversuchen. Das ist wirklich ein unglaubliches Schauspiel!
In ihren viel kleineren Rollen strahlen auch alle anderen Schauspieler im selben Glanz dieses Darstellungsstils: Meglena Karalambova spielt die Mutter, Vera Baranyai das ungarische Mädchen, Imo Heite den Akkordeon spielenden Koch, Daniel Frantisek Kamen den Mönch und Robert Krotz den Vater.
Als gleichgesinnte Mitstreiter gelang es ihnen, sich auf eine besondere Art im Prozess der Realisierung dieses Autorenfilms von Bernhard Kammel als organische Einheit in einer so ungewöhnlich philosophischen Film-Reflexion einzubinden.
Im Kontext des Weltkinos ist der Film “Die Tochter” eine Kunst-Provokation, die imposant an die unerschöpflichen Möglichkeiten der Filmsprache erinnert.
Aus dem Bulgarischen: Gergana Manoleva / Film und Video / Untertitel AG, Potsdam
A POINT OF VIEW ON CINEMA ART FROM BETWEEN THE WORLDS OF POST COMMUNISM AND DEMOCRACY
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