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ZEITUNG „KULTURA“
(Nr. 32 (2559), 25. September 2009)
WENN
DER SCHMERZ KINO WIRD,
© Iskra Dimitrova, PhD in Arts
Bevor ich Neda Stanimirova-Kranzovas Dokumentarfilm „Zu Kalin“ gesehen hatte, hatte ich mir nicht die Frage gestellt, ob eine künstlerische Vermittlung zwischen dem intimst Privaten eines einzelnen Menschen und dem Kino möglich ist, das ja nicht einem familiären oder Freundeskreis vorbehalten, sondern für die breite Öffentlichkeit bestimmt ist. Doch offensichtlich überrascht uns die siebente Kunst immer und immer wieder mit ihren unausgeschöpften Möglichkeiten der Antwort auf die Provokationen, die das Leben uns zumutet.
Jemand mag widersprechen, dass es ausgerechnet in der Natur des dokumentarischen Kinos liegen soll, auf solche Provokationen des Lebens zu reagieren, da es sich mit wahren Schicksalen und realen Vorfällen befasst. Nur dass es in der allgemein akzeptierten Form dieses Kinos eine erkennbare Distanz gibt zwischen dem Erzählobjekt und dem Subjekt des Autors, der es gestaltet. Der Autor steht gewissermaßen „draußen“. Das Persönliche im Hinblick auf den Gegenstand – sei es Interesse, Betroffenheit, Sinngebung o. dgl. – überschreitet nicht die Grenze zum Abgrund des Unsagbaren.
Neda Stanimirova, Drehbuchautorin und Regisseurin dieses Films über ihren Sohn Kalin Todorov, der auf tragische Weise mit nicht einmal vierzig Jahren bei einem Unfall ums Leben kam, überschreitet diese Grenze ebenfalls nicht. Davor bewahrt sie ihr geschultes ästhetisches Gespür. Doch sie verrückt diese Grenze bis zu einem Punkt, an dem der Dokumentarfilm vor ihr noch nicht angelangt zu sein schien: Eine Mutter, die als Autorin den Bildschirm für die Zwiesprache mit ihrem Sohn verwendet. Doch sie tut dies eben nicht, um die biographische Tragödie ihres Sohnes auszustellen, sondern einzig und allein im Namen der geistigen Dimensionen des viel zu früh beendeten Lebens von Kalin Todorov, im Namen seiner beeindruckenden kreativen Leidenschaft für die Fotografie, die sich auf so gut wie den gesamten Planeten erstreckte und auf seine nicht minder große Hingabe an die Informatik und das Programmieren, für das er international anerkannt war, wie wir aus Briefen voller Sympathie, und durch Bekundungen seiner Kollegen und Freunde aus dem In- und Ausland erfahren.
Genau diese ausschließliche Fokussierung des Films auf die intersubjektiv wertvollen Seiten des vorzeitig unterbrochenen Lebens ihres Sohnes beweist, dass besagte künstlerische Vermittlung zwischen dem höchst Intim-Privaten und dem Kino, das nicht nur an den Familienkreis, sondern an die Öffentlichkeit gerichtet ist, nicht nur möglich und erreichbar ist, sondern „der Natur“ des Dokumentarfilms sogar eine neue Facette hinzufügt.
Durch diese Herangehensweise kann aus privatem, unermesslichem Schmerz Kino werden. Das authentische Dokumentarportrait einer eigenständigen, unwiederholbaren Persönlichkeit wie Kalin Todorov, dem es gelungen ist, sein fotografisches Werk zum Bestandteil der menschlichen Kultur zu machen, bevor sein Name es wurde. Das Gleiche lässt sich auch über seine Errungenschaften im Bereich der Informatik sagen. Durch dieses Filmportrait wird der Schmerz auch künstlerische Mitteilung, Botschaft, und zwar in Bezug auf den einzig möglichen Sinn eines jeden Lebens – seine geistige Dimension. Die Musik von Bach und Vivaldi, die dem Film unterlegt ist, trägt in besonderem Maße zu der Rückhaltlosigkeit dieser Botschaft bei.
Dank der Authentizität des Schmerzes gerät das im Film entworfene rein geistige Portrait mehr als wahrhaftig. Restlos wahrhaftig. Eine Mahnung an den Zuschauer. Unmöglich, dass mir dabei nicht in den Sinn kommt, wie nötig genau ein solcher Film für die junge Generation in unserer heutigen Geistlosigkeit ist...
Mir geht auch durch den Kopf, wie viel Grund Neda Stanimirova für ihre Danksagungen an das Digitale Multimedia-Zentrum der Nationalen Akademie für Filmkunst „Christo Sarafov“, deren Rektor Stanislav Semerdzhiev und Ing. Dimitar Stoychev hat, dank derer die in dem Bildband „Reise mit und zu Kalin“ abgedruckten Fotos von Kalin Todorov Teil des Films werden konnten. Auch dies nicht ganz alltäglich für den Dokumentarfilm. Denn die Kamera oder vielleicht die Computertechnik serviert uns die fotografischen Reisen Kalin Todorovs durch die ganze Welt auf eine Weise, als ob ein inexistenter Kameramann ihn während all dieser Jahre begleitet und bei seiner Tätigkeit gefilmt hätte. Hier hat wohl auch die Co-Regisseurin Valeria Uscheva, die für die Montage verantwortlich zeichnete, ihre besonderen Verdienste.
Wie ein unerwartetes Geschenk kommen die eingeblendeten Ausschnitte aus einem Film der Dokumentarfilmerin Konstantina Guljaschka daher, die Kalin Todorov noch als Schüler für ihren Fernsehfilm „Untersuchung“ entdeckt hatte als einen der ersten in Bulgarien, die sich von Beginn von deren Ära an mit der Wunderwelt der Computer befassten. In den Passagen aus diesem Film steht Kalin vor uns – lebendig, intelligent, nachdenklich, lächelnd.
Mit alledem wiederum schenkt der Dokumentarfilm „Zu Kalin“ von Neda Stanimirova dem Geist Kalin Todorovs ewiges Leben. Mütterlich, sicher. Doch dabei dem Kino unentdeckte Möglichkeiten erschließend...
© der Übersetzung aus dem Bulgarischen: Thomas Frahm 2009
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